Donnerstag, 13. April 2017

Der Kuss als singuläres Ereignis

„Es ist seltsam, dass in einer guten Erzählung allemal etwas Heimliches ist – etwas Unbegreifliches. Die Geschichte scheint noch uneröffnete Augen in uns zu berühren – und wir stehn in einer ganz anderen Welt, wenn wir aus ihrem Gebiete zurückkommen.“ Mit diesem Zitat von Novalis beginnt das neue Buch des grossartigen Germanisten Peter von Matt, Emeritus der Universität Zürich: „Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur“. Und was die Novalis-Stelle behauptet, belegen die neun Kapitel dieses Buches auf eindrückliche Art und Weise: Man kommt effektiv mit einem neuem Blick auf, wie man bislang gedacht hat, wohl Bekanntes von der Lesereise zurück, gestärkt, beschwingt, inspiriert und, vor allem, mit grossem Appetit auf die (Wieder)Entdeckung der besprochenen Werke der Weltliteratur.
„Die Literatur denkt in Szenen“, schreibt Peter von Matt, und illustriert diese These exemplarisch an sieben speziellen Kuss-Szenen, die insofern singulär sind, als nach dem Kuss alles anders ist im Handlungsgefüge als vorher, „und zwar sowohl für die Küssenden als auch für die Leserinnen und Leser.“ Damit diese Szenen derart symbolisch aufgeladen sein können, erfordern sie die höchste poetische Handwerkskunst des Autors; deshalb können sie – liest man sie genau – auch zu neuen Aufschlüssen über die Geheimnisse des Erzählens führen.

Wenn von Matt ein Stück Literatur bespricht, tut er das erstens in einem unvergleichlichen Sound (der Begriff ist hier durchaus angebracht, hört man doch den Autor beim Lesen effektiv ex cathedra reden) und in einer in der Gelehrtenwelt höchst selten erlebbaren Anschaulichkeit. Zweitens belässt er es nicht nur bei einer sehr genauen Betrachtung der fraglichen Stellen, die in aller Regel in überzeugende, meist auch eigenwillig neue Interpretationen münden, sondern er greift weit aus, lotet den historisch-sozialen Kontext ebenso aus wie die Werkgeschichte, die Bezüge zu anderen Autoren, ähnlichen Passagen, die Literaturgeschichte überhaupt. So erfährt man im vorliegenden Buch beispielsweise einiges über den kürzesten Teufelspakt der deutschen Literatur (in einer Legende von Gottfried Keller) und über den berühmtesten Gedankenstrich der deutschen Literatur (er steht in einer Erzählung von Kleist), lernt die „deutsche Syntax als Ereignis“ kennen (wiederum bei Gottfried Keller) und wird mit den zwei Aufgaben der Literatur bekannt gemacht: „das Spektrum der Konflikte vor Augen zu führen und die Möglichkeiten ihrer Auflösung in der Katastrophe oder der Versöhnung zu zeigen. Gemetzel oder Umarmung. (…) Alle Konflikte, in die die Menschen geraten können, hat die Literatur nämlich durchzuspielen, und desgleichen alle Formen ihres möglichen Ausgangs. Spiel als Erkenntnis.“

Peter von Matt begeistert; das weiss man dank seiner vielen Bücher, ja: seinem ganzen Wirken längst. Was er aber mit seinem neuesten Buch zeigt, weist ihn recht eigentlich aus als Magier der Literaturwissenschaft: er verzaubert sein Publikum, bringt es zum Staunen und lässt es nach der Vorstellung unverzüglich wieder zu den Werken greifen, die der Autor neu zum Leuchten gebracht hat. Ein Hochgenuss!

Peter von Matt, Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur. Hanser 2017

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