Montag, 10. Juli 2017

Beieinander schlafen

„Und dann kam der Tag, an dem Addie Moore bei Louis Waters klingelte.“ Einer der brillanteren ersten Sätze in einer Sammlung von Romananfängen! Endlich!, denkt man bei sich, endlich wird sich etwas verändern – etwas Schicksalshaftes schwingt mit, Neues kündigt sich an. Und in der Tat: Was die 70-Jährige ihrem etwa gleichaltrigen Nachbarn vorzuschlagen hat, überrascht nicht nur ihn, sondern auch uns. „Ich wollte fragen, ob du dir vorstellen könntest, hin und wieder zu mir zu kommen und bei mir zu schlafen. (…) Ich spreche davon, die Nacht zu überstehen. Zusammen im Bett zu liegen, die ganze Nacht. (…) Wir könnten reden, in der Nacht, im Dunkeln.“ Die einsam gewordene Witwe möchte ihre Nächte wieder mit jemandem teilen, ihr ebenfalls verwitweter Nachbar ist ihr seit Jahren vertraut – also, sagt sie sich, warum ihn nicht fragen! Louis willigt ein, packt Zahnbürste und Pyjama in eine Tüte und geht spätabends, nachdem er gründlich geduscht hat, zu Addie rüber. Er klopft an der Hintertür, weil er nicht gesehen werden will, aber Addie bittet ihn, künftig den Vordereingang zu nehmen; was die Leute allenfalls denken würden, sei ihr egal. Dann setzen sie sich in die Küche, nehmen einen Schlummertrunk: sie ein Glas Wein, er ein Bier und gehen dann hoch ins Schlafzimmer, nachdem sie sich nacheinander im Bad für die Nacht fertig gemacht haben. Und dann legen sie sich ins Bett, sie macht das Licht aus, die beiden reden noch eine Weile, bis Addie einschläft –  
So einfach kann eine Geschichte beginnen, und ebenso einfach spinnt sie sich weiter: Louis kommt jetzt jeden Abend (durch die Vordertür!), auch als Addies Sohn Gene ihr Jamie bringt für einige Wochen, ihren sechsjährigen Enkel. Dieser freundet sich bald mit Louis an und ist übergücklich, als Louis ihm einen Hund schenkt, den sie gemeinsam im Tierheim ausgesucht haben. Man ahnt jedoch, dass diese Beziehungsgeschichte – das ist sie inzwischen geworden – nicht ewig so ungetrübt weitergehen kann, zu zahlreich sind die Zeichen an der Wand: Die Bekannten im Städtchen sprechen sie augenzwinkernd auf ihr nächtliches Tun an, tuscheln hinter ihrem Rücken, und eines Tages steht Gene da und will seiner Mutter den Umgang mit Louis verbieten. Etwas später holt er Jamie wieder heim und verbietet Addie, Louis weiterhin zu sehen – andernfalls würde sie ihren Enkel nicht mehr zu Gesicht bekommen.
Wie der kleine Roman zuende geht, sei nicht verraten.

Kent Haruf, der 2014 verstorbene amerikanische Autor, hat sechs Romane verfasst, die alle in der fiktiven Kleinstadt Holt in der Prärie Colorados spielen. Der von pociao ins Deutsche übersetzte und mit Jane Fonda und Robert Redford verfilmte Roman ist, was den Plot angeht, ausserordentlich einfach. Seine Qualität liegt in der liebevollen Zeichnung der Figuren, im Rhythmus, den der Erzähler seiner Sprache gibt und natürlich in der Thematik: Zwei einsame ältere Menschen wenden sich einander zu, schlafen beieinander (!), machen tagsüber einige wenige Ausflüge – und schon bangt der Sohn der Witwe um sein Erbe und zerstört das neue Gleichgewicht, in das die beiden Alten ihr Leben zu bringen verstanden haben. Eine schöne, aber eine traurige Geschichte.

Kent Haruf, Unsere Seelen bei Nacht. Diogenes 2017

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