Montag, 10. Juli 2017

Unterwegs zu Mozart und zu sich selbst

Wer bei Google „Mozart“ eingibt, erhält zig Millionen Links. Der Weg zu Mozart ist also sehr leicht zu finden.Interessanter wird es, wenn ein sehr bekannter Musiker, der 65-jährige norwegische Pianist und Schriftsteller Ketil Bjørnstad, Rückschau hält auf sein Leben und dabei entdeckt, dass er dieses im Grunde als Weg zu Mozart charakterisieren kann. Diese Rückschau wird ausgelöst durch einen Dokumentarfilm, den er zufällig zu sehen bekommt, als er sich im April 2013 in einem Hotel in Fredrikstad für einen kulturellen Abend bereit macht, wo er zu Themen von Mozart improvisieren wird. In diesem Film wird ein Ausschnitt eines Mozart-Konzerts gespielt, die Bjørnstad zu seiner eigenen Überraschung zu Tränen rührt: „Ein so unvorbereitetes Erleben von Mozart macht etwas mit mir. Das Bruchstück einer Melodie bringt mich zurück zu den grossen Gefühlen der Kindheit. Mozart war der erste Komponist in meinem Leben. Jedenfalls der erste, zu dem ich eine Beziehung hatte.“ Und Bjørnstad, der sich an jenem Nachmittag unvermittelt zurückversetzt sieht in seine Kindheit, macht sich daran, das Leben des genialen Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) ebenso aufzuschreiben wie seinen eigenen Weg zur Musik; das Resultat: eine musikalische Autobiografie, die sich – wie Efeu um eine Säule – um Leben und Werk Mozarts rankt.

Wenn ein Musiker eine Biografie über einen anderen Musiker verfasst, hat das den Vorteil, dass man eine hoch empathische Vita zu lesen bekommt – erst recht dann, wenn dieser beschriebene Musiker von zentraler Bedeutung für den Autor ist. Beim vorliegenden Buch ist das exemplarisch der Fall: Bjørnstad gelingt ein sehr anschauliches, sensibles Porträt der 35 Lebens- und Schaffensjahre Mozarts; er widmet ihnen jeweils die ungeraden Kapitel, für deren Quellenmaterial er hauptsächlich die Briefe verwendet.
Warum aber schreibt er nicht nur seine eigene Autobiografie, wie der Titel des Buches suggeriert? Weshalb verwebt er sie mit der Biografie Mozarts?

Wir erfahren, dass Bjørnstad als Kind Mozart hasste – bis zum Tag, als die ganze Familie an einem Novemberabend 1959 in Oslo die Zauberflöte hört: „Es war vor allem eine Erweckung, sowohl zur Musik wie zum Leben. Als würde ich an diesem Abend von meinem relativ beschaulichen Ort am Meeresgrund aufsteigen und in das Element eintreten, in das ich nun mal gehörte, und Luft holen, als ein Teil der Welt und der Umgebung, in die ich nun mal gehörte. Gleichzeitig sah ich, dass es weiter oben noch ein anderes Element oder eine andere Sphäre gab.“ Es wird ihm aus der Rückschau bewusst, dass er damals bereits geahnt haben muss, dass die Zauberflöte auch den Prozess der Individuation künstlerisch darstellt und somit mit ihm und seinem Leben zentral zu tun hat. Eine erste Antwort auf die oben gestellte Frage kann also darin gesehen werden, dass Bjørnstad Mozart die Reverenz erweist als einem, der es verstanden hat – wie zum Beispiel Goethe im Wilhelm Meister -, mit seiner Musik den Menschen eine Ahnung dessen zu vermitteln, worum es im Leben gemäss C. G. Jung wesentlich geht: vollständiger und „zu einem tätigen Mitmenschen in einer Gemeinschaft“ zu werden.

Eine zweite Antwort findet sich darin, dass Bjørnstad in dem von ihm beschriebenen Musikerleben von damals und dem seinen heute Parallelen entdeckt. Mozart komponierte von klein auf wie besessen, reiste in Europa von Konzert zu Konzert und musste dennoch erleben, dass ihm häufig nicht nur die Anerkennung versagt blieb, sondern auch der finanzielle Erfolg, dass er angestrebte Posten nicht erhielt, dass von Neid erfüllte Menschen gegen ihn intrigierten und Kritiker schlecht über ihn und seine Musik schrieben – oder ihn gar mit keiner Zeile würdigten. Auch Bjørnstad musste als jugendlicher Interpret einige Male erleben, wie seine Hoffnungen auf die gebührende Würdigung seines Könnens herb enttäuscht wurden, was ihn im vorliegenden Text zu folgenden Fragen veranlasst: „Wird man besser durch Erfolg? Kann die Selbstsicherheit (eines Mozart, T. B.) ein Freund werden, wenn man etwas erreichen will? Oder sind es Misserfolg und Scheitern, die das Talent provozieren?“
Eine weitere Parallele: Mozart und Bjørnstad hatten Eltern, die je zwei musikalisch überdurchschnittlich begabte Kinder aufzuziehen hatten. Wie gehen Eltern mit solchen Begabungen um? Mozarts Vater Leopold pushte (hier passt dieser Ausdruck) Wolfgang und seine Schwester Annerl förmlich, führte sie an Europas Fürstenhöfen vor und liess sie musikalische Kunststücke aufführen. Sein Wort war für Wolfgang Gesetz bis zum Ableben des Vaters 1787; Annerl hingegen verlor schon früher die diesbezügliche Aufmerksamkeit sowohl der Öffentlichkeit wie ihres Vaters: Je bekannter ihr jüngerer Bruder wurde, desto weniger stiess ihr pianistisches Können auf Interesse. Erst der Tod des Vaters „setzt bei Wolfgang schöpferische Kräfte frei. Jetzt schreibt er so, wie er es nie vorher getan hatte, auf Leben und Tod.“ Vater Leopold Mozart erwartete von seinen Kindern offensichtlich „eine Karriere, die er selbst nicht verwirklichen konnte, obwohl er Komponist und ein erstklassiger Musiker war.“ – Ganz im Gegensatz dazu Ketil Bjørnstads Eltern, die „nicht alles bestimmen, alles unter ihrer Kontrolle haben wollten.“ Zwar hat ihn seine Mutter gegen „wöchentliche 50 Øre“ zum Klavierspielen verpflichtet, dies aber augenzwinkernd und nie versessen. Aber weder die Eltern noch Bjørnstads Klavierlehrerin haben von ihm eine Karriere erwartet, sondern ihn liebevoll und seinem Wesen entsprechend gefördert. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Methode, welche Amalie Christie, seine Lehrerin, anwendet: Beide sitzen nebeneinander auf dem Klavierhocker, Amalie spielt ein Menuett von Mozart: „‘Hast du Lust, es zusammen mit mir zu spielen? – Aber wir haben doch keine Noten! – Brauchen wir Noten? Schau meine Hand an. Und dann musst du zuhören. Das ist viel Wichtiger als die Noten, verstehst du. Zuhören musst du, dein Leben lang. Den Menschen um dich. Und der Musik in dir.‘ – Da ist es passiert. Da hat es sich gewendet. Die Weigerung verschwand. (…) Amalie brachte mich dazu, die Musik auf eine andere Weise zu hören. So wurde sie für mich zur Leidenschaft.“

Ketil Bjørnstads „Weg zu Mozart“ regt an darüber nachzudenken, wie wir zu dem geworden sind, was wir geworden sind, welche „Erweckungserlebnisse“ wir hatten und welche massgebenden Menschen unser Leben begleitet und geprägt haben. Die Lektüre lohnt also sehr!

Ketil Bjørnstad, Mein Weg zu Mozart. Insel 2016

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