Montag, 10. Juli 2017

Vom authentischen Leben

Es kommt selten vor, dass Bücher zu philosophischen Fragen auch Laien derart zu packen vermögen, dass die Lektüre zu einem reinen Vergnügen wird. Die englische Philosophin Sarah Bakewell bringt dieses Kunststück fertig. Bereits ihr letztes Buch „Wie soll ich leben? Oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten“ (2012) hat Preise eingeheimst und wurde zu einem internationalen Bestseller, und auch der hier vorliegende Band, hervorragend ins Deutsch gebracht von Rita Seuß, ist auf dem besten Weg dazu. Was macht das Geheimnis dieses Erfolgs aus? Die Antwort ist einfach: Die Autorin ist erstens begeistert von ihrem Thema, und diese Begeisterung spürt man beim Lesen auf jeder Seite, umso mehr, als sie sich immer wieder selber kurz zu Wort meldet im Text. Zweitens versteht sie es, das in der philosophischen Theorie manchmal Komplexe sprachlich so zu fassen, dass daraus eine spannende Erzählung wird, von der man hingerissen ist – Sarah Bakewell weiss ausserordentlich kompetent, wovon sie berichtet. Und drittens verbindet sie die behandelten philosophischen Konzepte mit der Biografie der Menschen, die sie entworfen haben, so dass man immer spürt, welch lebendige Gebilde solche Konzepte werden können, dass und wie sehr sie Menschen emotional und physisch zu betreffen vermögen. Kurzum: Ein grossartiges Buch!

Ein Abend um die Jahreswende 1932/33. Wir sitzen in einem Pariser Café, zum Beispiel im Bec de Gaz oder im Flore; mit uns am Tisch ein paar Intellektuelle und Künstler, die später berühmt werden: Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus, Raymond Aron, Boris Vian und andere. Aron berichtet gerade von einer neuen Philosophie, die er in Berlin kennengelernt hat: der Phänomenologie; für sie ist das Leben selbst Gegenstand der Betrachtung, das Leben, wie wir es tagtäglich erfahren, Moment für Moment. Sartre ist begeistert, liest alles, wessen er zur Phänomenologie habhaft wird, fährt im Herbst 1933 für ein Jahr nach Berlin und wird wenig später zum Begründer des modernen Existenzialismus. Die Menschen im Umfeld dieser Theorie, ihr Denken, Fühlen und Handeln sind Gegenstand von Bakewells Buch.

Ausgangspunkt von Sartres Gedankengebäude ist ein Befund, der sich schon bei Heidegger findet: Der Mensch ist „in die Welt geworfen“, ohne um das Warum und das Wozu zu wissen. Es gibt keinen (göttlichen) Plan für sein Leben: „Die Existenz geht der Essenz voraus.“ Der Mensch findet sich in der Welt vor als Freiheit und muss sich selber definieren und seinem Leben Sinn geben. Weil er ohne Plan da ist, muss er sich permanent selber entwerfen und dazu notwendigerweise Entscheidungen treffen. Das aber ist enorm bedeutsam, erwächst ihm daraus doch eine Verantwortung, die er nicht nur für sein eigenes Leben zu übernehmen hat, sondern, gemäss Sartre, für die Menschheit als Ganzes: „Es gibt keinen vorgezeichneten Weg, der den Menschen zu einer Rettung führt; er muss sich seinen Weg unablässig neu erfinden. Aber er ist frei, ihn zu erfinden, er ist verantwortlich, ohne Entschuldigung, und seine ganze Hoffnung liegt allein in ihm.“ Eine schwierige Aufgabe! Diesem beängstigenden Anspruch sind nicht alle gewachsen und weichen aus in Scheinexistenzen fernab jeglicher „Authentizität“. Wer sich aber der Herausforderung stellt, dem verspricht Sartres Existenzialismus ein authentisches, kraftvolles und freies Leben.

Auch wenn Jean-Paul Sartre, dessen Texte die Autorin schon mit 16 derart zu begeistern vermochten, dass sie ihretwillen Philosophie studierte, als leuchtendster Stern des Sternbildes Existenzialismus gelten darf, erfahren wir auch über die weiteren Sterne alles Wesentliche, so dass wir fortan, wenn wir in den Nachthimmel der Philosophie blicken, zumindest über ein Sternbild kundig Auskunft zu geben vermöchten. Bakewell zeichnet Leben und Werk von Husserl und Heidegger und dessen Beziehungen zu Karl Jaspers und Hannah Arendt nach, würdigt das eindrückliche und wichtige Schaffen Simone de Beauvoirs, gibt einen Einblick in die Gedankenwelt des späteren Nobelpreisträgers Albert Camus und begründet die immense Bedeutsamkeit des Werks von Maurice Merleau-Ponty, des Phänomenologen der zweiten Generation. Wenn wir zudem auch Auskunft bekommen über die weiträumigen Auswirkungen des Existenzialismus (in Amerika, im Prager Frühling, in der Psychotherapie, im Film) und am Ende Abschied genommen haben von den Gästen des Cafés, so erweist sich dieses nüchtern und kalt klingende Phänomen im Rückblick als ein vibrierendes Netz von Energieknoten und ihren wechselseitigen Beziehungen, für dessen staunenswerter und hoch kompetenter Darstellung man der Autorin einfach nur dankbar ist.
Ihr Buch erzählt aber nicht nur von einem philosophiegeschichtlichen Gegenstand, sondern macht Appetit auf die (Wieder)lektüre der obgenannten Autoren. Sarah Bakewell meint dazu: „Warum wir die Existenzialisten wieder lesen sollten? Sie führen uns die Schwierigkeiten unserer Existenz und das oft erschreckende menschliche Verhalten vor Augen, zeigen uns jedoch auch, was für immense Möglichkeiten in uns liegen. Sie stellen beharrlich die Frage nach der Freiheit und dem Sein, die wir ebenso beharrlich zu vergessen suchen. Wir müssen uns die Existenzialisten keineswegs als exemplarische Persönlichkeiten zum Vorbild nehmen. Aber sie sind aufregende Denker, und deshalb lohnt sich die Auseinandersetzung mit ihnen.“ - Ein aufregendes, inspirierendes Buch!

Sarah Bakewell, Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein & Aprikosencocktails.   C. H. Beck 2016

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