Montag, 9. Oktober 2017

Das lose Ende der Seele findet seinen Platz

Vor zwei Jahren hat Christian Haller den ersten Teil seines autobiografischen Projekts vorgelegt, den Roman „Die verborgenen Ufer“. Auslösendes Moment dafür war der 19. Juni 2013, als das Hochwasser des Rheins die Terrasse seines Hauses weggerissen hat. Jetzt, zu Beginn des Folgeromans „Das unaufhaltsame Fliessen“, wird der Balkon trotz eines teilweise brüchigen Untergrunds, wieder aufgebaut.
Diese Brüchigkeit erinnert ihn an die fragile Grundfeste seines Schreibens als junger Mann, von dessen weiterer Entwicklung Haller im neuen Roman erzählt.

Mit etwa 24 Jahren befragt der Autor „I Ging, das Buch der Wandlungen, wie weit er wohl mit seinem Wunsch, Schriftsteller zu werden, gekommen sei.“ Das resultierende Zeichen ist KAN / DAS ABGRÜNDIGE, DAS WASSER, und sein Nachdenken darüber führt ihn zur Erkenntnis, dass „der Pfad, den ich gehen wollte, gefährlich war, … Doch in der Tiefe strömte das Wasser, war ein unaufhaltsames Fliessen, das mir zeigte, wie Schwierigkeiten überwunden würden: … der Kommentar zum Zeichen hiess: ‚So kommt das Wasser ans Ziel.‘“ Er weiss zwar, dass er schreiben will, arbeitet weiterhin hartnäckig an ersten Texten, kommt aber nicht weiter und gerät in einem Moment grösster persönlicher Not zufällig an einen dünnen Gedichtband von Adrien Turel. Man denkt hier unwillkürlich an einen Satz von Max Frisch: „Am Ende ist es immer das Fällige, das einem zufällt“, denn Haller erinnert sich an die Empfehlung einer Bekannten, er müsse unbedingt Turels Witwe besuchen und den Nachlass dieses Schriftstellers und Philosophen ansehen. Gedacht, getan, Haller geht hin und beschliesst, auf die Bitte der Witwe hin, sich an der Sichtung des immensen Nachlasses zu beteiligen – eines Nachlasses, der infolge einiger anarchischer Gedanken Turels vom Kanton Zürich ein für alle Mal in einem Tresor gebunkert und so der Öffentlichkeit entzogen zu werden droht. Christian Haller ist es zu verdanken, dass der gesamte Wust an Papier seit Oktober 1968 auf Mikrofilm gespeichert vorliegt. Zwar nimmt er von Turel „diese anarchische Freiheit des Denkens, die Unbeirrbarkeit, den eigenen Weg zu gehen“ als eine Art Richtschnur für sein eigenes Schreiben mit. Aber nach Beendigung der knapp zweijährigen Arbeit des Sichtens, Ordnens und Sicherns auf Mikrofilm muss er in sein Tagebuch notieren: „Meine Arbeit an den Erzählungen ist in den letzten Wochen liegen geblieben.“

Wie weiter? Nach einer Stellvertretung an einer Landschule und einer Zeit als Assistent in einer Bibliothek beschliesst Haller auf den Rat eines ehemaligen Mitschülers hin, den er zufällig in einem Restaurant trifft, für sich selber überraschend Zoologie zu studieren. Wieder führt der Zufall Regie bei der Richtungswahl seines Lebens! Der Autor jedoch zweifelt deren Richtigkeit bald wieder an, befürchtet er doch, die wissenschaftliche Sprache könnte sein Suchen nach dichterischer Sprache behindern. Seine Freundin Pippa, die konsequent ihren Weg als Schauspielerin geht und ihm immer wieder sein Zögern und Ausweichen spiegelt, weist ihn auch in diesem Krisenmoment auf das hin, was zu tun wäre: „Vielleicht solltest du versuchen, statt ein verblasenes Abbild von Voegeli [seinem literarischen Mentor, T. B.], Turel und neuerdings Adolf Portmann zu mimen, einfach versuchen, Christian Haller zu sein.“ Es ginge darum, voll und ganz ins Leben zu treten, der zu werden, der man ist, statt Vorbildern nachzuleben und sich als Beobachter am Rand des Geschehens aufzuhalten. Haller weiss das im Grunde längst, denn ihn plagt eine tiefe Sehnsucht,die er als „loses Ende der Seele“ bezeichnet, „die keine Entsprechung im Alltag hat, … die nach etwas strebt, das ‚man selbst‘ war und nie sein würde.“ Er wagt das Studium, schliesst mit „summa cum laude“ ab und lernt beim Sezieren für sein Schreiben, dass er, ähnlich wie beim Präparieren, „die Wörter mit Vorsicht und Umsicht dem zu Beschreibenden nähern muss.“

Als promovierter Zoologe meldet er sich auf die Empfehlung von Professor Hermann Levin Goldschmidt, bei dem er philosophische Vorlesungen belegt hat, beim Gottlieb Duttweiler-Institut, wo er eine Stelle als Aushilfe sucht, jedoch vom damaligen Leiter Hans A. Pestalozzi sogleich angestellt wird und im Laufe der nächsten Jahre aufsteigt zum Leiter der Abteilung Soziale Studien. Trotz Pippas Skepsis dem Institut und seiner Arbeit gegenüber, spielt er das Spiel des Wirtschaftsgiganten vorerst mit, bekommt er doch Gelegenheit, mit einflussreichen Grössen und Akteuren der Wirtschafts-, Kultur- und Sozialwelt in Kontakt zu kommen wie Max Frisch, Herbert Marcuse, Erich Fromm oder Ivan Illich. Zudem findet das „Lose Ende der Seele“ endlich seinen Platz, als er die Leiterin der Institutsbuchhandlung kennen und lieben lernt, Gisela Sandor. Mit ihr und Pippa arrangiert er sich eine Zeitlang in einer ménage à trois, denn er kann sich nicht für die eine oder die andere entscheiden. Dennoch fühlt er sich mehr und mehr unwohl im Milieu der Unaufrichtigkeit, die am Institut und im Vorstand der Migros herrscht; am 40. Geburtstag kündigt er und weiss: „Ich würde über die Welt der Macht, der Politik und des Handelns nach Opportunitäten schreiben, doch in ihr und mit ihr leben wollte ich nicht mehr.“ Wie sehr sich Christian Haller innerlich verändert hat, kann er auch an der Veränderung seiner Handschrift ablesen, die sich jetzt nach vorne neigt, die Spitzen verloren hat und insgesamt runder und regelmässiger geworden ist.

Wer heute „autobiografisches Romanprojekt“ sagt, denkt sogleich an die sechs Bände „Min Kamp“ des Norwegers Karl Ove Knausgård. Christian Hallers (geplante) Trilogie lässt sich jedoch in keinster Weise vergleichen mit Knausgårds Werk, sind doch sowohl die Motive zum Schreiben wie auch Organisation und Sprache der Texte völlig verschieden. Hallers zwei Romane sprechen einen anders an als diejenigen Knausgårds; sie sind in einem guten Sinn provinzieller, wärmer im Ton und greifen weniger weit aus ins Allgemeine. Und was an ihnen besonders überzeugt, ist die Nähe des Autors zu den auftretenden Personen. Diese werden allesamt differenziert und mit hohem Respekt für ihr Sosein gezeichnet – so, wie er es beim Präparieren gelernt hat: „Die Wörter muss ich mit Vorsicht und Umsicht dem zu Beschreibenden nähern.“ Man darf sich also freuen auf den dritten Band, denn das Schreiben ist mittlerweile – wie vom Kommentar im I Ging vorausgesagt – „ans Ziel gekommen!“

Christian Haller, Das unaufhaltsame Fliessen. Luchterhand 2017

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