Montag, 9. Oktober 2017

Eine nie erzählte Geschichte

Wir haben ein Kleinod der Erzählkunst vor uns. Einen Text, in welchem die einzelnen Sequenzen derart kunstvoll ineinander gefügt sind, dass sich die grossartige Komposition des Romans erst nach dem Legen des letzten Puzzleteils der Geschichte in ihrer ganzen Vielschichtigkeit erweist. Diese Erzählung des preisgekrönten Engländers Graham Swift, die am 30. März 1924, dem Muttertag, spielt, ist kurz und auf den ersten Blick einfach: Ein 23-jähriger Engländer aus vornehmem Hause, dessen Heirat in zwei Wochen stattfinden soll, hat seit einiger Zeit ein Verhältnis mit dem ein Jahr jüngeren Dienstmädchen eines in der Nachbarschaft gelegenen Anwesens. An diesem Festtag will er sie noch ein letztes Mal sehen. Die Gelegenheit ist günstig, denn die Eltern dinieren mit den künftigen Schwiegereltern auswärts, seiner Verlobten hat er gesagt, er müsse für eine Prüfung an der Universität lernen und werde sie erst am frühen Nachmittag zum Essen treffen können, die Dienstboten haben frei, um ihren Müttern den obligaten Besuch abzustatten. Also soll Jay, wie er sie nennt, bereits am Morgen kommen; für einmal darf sie mit dem Fahrrad sogar die offizielle Zufahrt zum Haus nehmen und das Rad neben dem Haupteingang an die Wand lehnen. Es ist Frühling, das Fenster zu Pauls Schlafzimmer steht weit offen, die beiden geniessen die Lust und ihre Nacktheit, bewegen sich ganz ungeniert im Zimmer und kosten ihre letzten gemeinsamen Momente voll aus. Als Paul dann geht, tut er es widerwillig und derart zögerlich, dass er trotz seinem schnellen Auto viel zu spät zur Verabredung mit seiner Verlobten kommen wird. Jane spaziert anschliessend nackt durch die Räume des Hauses und kostet von einer für die Herrschaft bereit liegenden Pastete in der Küche, bevor auch sie – ohne aufzuräumen – die Villa verlässt. Paul hatte sie gebeten, alles so zu belassen, wie es ist: seine achtlos herumliegenden Kleider, das offen stehende Fenster, das zerwühlte Bett mit dem verräterischen Liebesfleck auf dem Leintuch. „Sie wusste nicht, dass er da bereits tot war.“

Wir ahnen wegen dieses beiläufig eingestreuten Satzes in der Buchmitte, dass sich Schreckliches ereignet haben muss; Jane jedoch pedalt voll von einem neuen, „berauschenden Lebensgefühl“ zurück in ihr Logis, denn sie fühlt sich in jedem Sinn des Wortes „erkannt“, fühlt sich als Frau und nicht mehr nur als Dienstmädchen. Wir ahnen auch, dass in ihr etwas aufbricht, dass Veränderung ansteht, dass sie jetzt den Mut hat, Neues zu wagen.
Zwar spielt die eigentliche Handlung des Romans, in dessen Zentrum eine Frau steht, an einem einzigen Tag; insofern lässt der Text unwillkürlich an den Roman „Mrs. Dalloway“ von Virginia Woolf denken (der interessanterweise im selben Jahr 1924, in dem unsere Geschichte spielt, konzipiert wurde). Graham Swifts Erzählinstanz skizziert aber Janes Leben über diesen „sonderbaren Tag“ hinaus bis in ihr hohes Alter: Sie wird über 90 und eine gefeierte Schriftstellerin! Und in diesem Teil, wo wir Jane als gefragte Autorin erleben, erfährt man etwas Paradoxes: dass sie zwar „Geschichten aus ihrem eigenen Leben erzählte. Aber eine Geschichte erzählte sie nie“: Die Liebesgeschichte, die wir eben gelesen haben! Und man erfährt auch, woran ihr als Autorin gelegen ist: „Es ging darum, zu versuchen, genau das einzufangen, was Lebendigsein bedeutete, obwohl das nie gelang. Es ging darum, eine Sprache zu finden.“ - Wenn man Jane Fairchild als alter ego des Autors nimmt, darf man sagen: Beides ist ihm wunderbar gelungen!

Graham Swift, Ein Festtag. dtv 2017

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