Montag, 9. Oktober 2017

Manchmal ist es kompliziert

Was verändert sich für das Alltagsleben einer Frau, die als Kind adoptiert wurde, wenn sich eines Tages plötzlich ihre biologische Mutter meldet? Und sie sich gleichzeitig verliebt in einen Witwer mit zwei Töchtern, ihn heiratet und mit ihm einen Sohn bekommt? Und beide frischgebackenen Eltern ihre akademischen Karrieren fortsetzen wollen? -–Annette Mingels hat den Roman zu diesen Fragen geschrieben, der aus der Innensicht der Protagonistin fünf turbulente Jahre erzählt.

Susa Berner, Meeresbiologin an einer norddeutschen Universität, ist 35-jährig, als sie einen Brief via Jugendamt erhält: Ihre biologische Mutter, Viola, würde sie gerne treffen. Nach einigem Zögern stimmt Susa zu und verbringt einige Wochen später ein paar Tage mit dieser 60-jährigen Frau, die sich selber Lebens-Künstlerin nennt, ihr Leben als Übersetzerin und Gelegenheits-Schauspielerin fristet und permanent auf Reisen ist. Susa ist das zweite von vier Kindern, die Viola mit vier Männern gezeugt hat; alle vier hat sie zur Adoption freigegeben. Denn „es war meine einzige Möglichkeit, das Leben zu führen, das ich führen wollte und musste. Ich wäre eingegangen, hätte ich es nicht getan.“ Auf einen Schlag hat Susa also – nebst ihrer Halbschwester Maike – drei Halbgeschwister. Damit nicht genug: Währenddem sie ihre biologische Familie kennenlernt, verliebt sie sich in Henryk, einen Universitätsdozenten mit Schwerpunkt Literatur des Mittelalters, dessen zwei Töchter Paula und Rena sie auch sogleich liebgewinnt. Also hat sie jetzt neu zwei Mütter, einen Vater, vier Halbgeschwister und bald einen Mann und zwei angenommene Töchter. Als sie dann nach ihrer Heirat mit Henryk noch einen eigenen Sohn auf die Welt bringt, stellen sich mehrere Probleme gleichzeitig: Wie lässt sich die Vereinbarkeit von Karriere und Familie einrichten? Wie kann man die neue biologische Familiengleichung nach der noch verbleibenden Unbekannten: dem biologischen Vater auflösen? Soll man sie überhaupt auflösen? Susa merkt, wie sie Viola auf Abstand hält, sich aber zu Cosimo, dem einen Halbbruder, hingezogen fühlt. Rat- und Rastlosigkeit halten Einkehr, deren sich Susa mühsam zu erwehren versucht; das zeigt sich in der Form des Romans, indem die Icherzählung in eine Art Protokoll mit Zwischentiteln übergeht.

Als (in der genauen Buchmitte) ihr Vater kurz nach der Geburt ihres Sohnes stirbt, ist die Erschütterung derart gross, dass die Icherzählerin formal vollends verschwindet und von Susa nur noch in der 3. Person berichtet wird; es ist der Versuch der grösstmöglichen Distanznahme von der eigenen Lebenserzählung. „Irgendetwas ist in Unordnung geraten, irgendetwas fehlt“, wird sich Susa inne; auch die Beziehung zu Henryk bekommt Risse. „Sie ist zersplittert, wie kann sie all diese Stücke je wieder zusammensetzen? Und fehlt da nicht eines?“ Susa und Henryk machen sich auf nach Amerika, wo nach Violas Erinnerung Susas biologischer Vater leben soll, das letzte Puzzleteilchen quasi, das Susa zur Ganzwerdung fehlt, wie sie vermutet. Ob sie ihn finden?
Annette Mingels ist es gelungen, eine sehr komplexe Familien- und Paardynamik in einen Text zu fassen, den man gerne liest, auch weil er wichtige Fragen stellt und viele mit dieser Dynamik zusammenhängende Themen neu beleuchtet. Aber manchmal wünschte man sich für Susa, die den „Geschlechterkampf der Plattwürmer“ erforscht, dass für sie das Leben so einfach wäre wie dasjenige ihrer Forschungsobjekte.

Annette Mingels, Was alles war. Knaus 2017


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