Montag, 9. Oktober 2017

Spiel ohne Grenzen?

Der 1971 in Thun geborene, mittlerweile in Zürich lebende, vielfach ausgezeichnete Dramatiker, Romanautor und Essayist Lukas Bärfuss legt mit „Hagard“ seinen dritten Roman vor. War es noch einigermassen einfach, den Geschichten zu folgen, die „Hundert Tage“ (2008) und „Koala“ (2014) erzählen, bleibt der neue Text rätselhaft. Und er lässt einen auch nach Tagen und Wochen nicht los – was eindeutig für ihn spricht.

Ein namenloses Ich „versucht seit viel zu langer Zeit, Philips Geschichte zu verstehen. Will das Geheimnis lüften, das in ihr verborgen ist.“ Vergebens. Ein letztes Mal noch will dieses Ich jetzt „die Ereignisse auferstehen lassen“, auch weil es sich fragt, weshalb es derart tief mit dieser Geschichte verstrickt ist und worin deren Anziehungskraft liegt. Und so können wir denn dieses Buch lesen. Diese Geschichte ist auf den ersten Blick sehr einfach: Am 11. März 2014 wartet Philip, „ein Mann Ende vierzig, schwer und etwas aus der Form geraten“ auf einen Kunden, mit dem er einen Immobiliendeal abzuschliessen gedenkt. Dieser Kunde verspätet sich, so dass Philip ein paar Schritte geht. Plötzlich stechen ihm, der er am Brezelstand am Zürcher Bellevue angekommen ist, „ein Paar pflaumenblaue Ballerinas“ im Pulk der aus einem Warenhaus kommenden Menschen ins Auge; sie gehören einer „kleinen, zierlichen, verletzlichen“ Frauengestalt Mitte zwanzig, deren Gesicht er nicht sieht, die ihn aber, so meint er erkennen zu können, mit „einer Geste ihrer Hand oder ihres Kopfes lockte, aufforderte, ihr zu folgen.“ Das tut er dann auch während 36 Stunden (der Ich-Erzähler ist genau in seinen Beobachtungen!), versetzt erst seinen Kunden, dann die Tagesmutter seines Sohnes, verliert seine Geldbörse, seinen rechten Schuh, später noch den BMW – um zuletzt in die Wohnung einzubrechen, in welcher er die geheimnisvolle Frau vermutet. Aber: „Nichts, das Zimmer ist leer.“ Und dem Leser stellt sich spätestens jetzt die selbe Frage, die auch das namenlose Ich umtreibt: Warum? Wieso hat Philip seine gewohnten Lebensgeleise verlassen, um dem Lockruf der Ballerinas – oder der Frau? - nachzugeben? War es, weil Amors „Giftpfeil“ ihn getroffen hatte? Oder weil er ausbrechen wollte aus „einem wirtschaftlichen und politischen System, das einen an einem bestimmten Platz festzurrt“? Wir erfahren es nicht. Was jedoch die Frage des Erzählers nach seiner Verstrickung in die Geschichte angeht, können wir zumindest eine Antwort erahnen: Philip ist die Figur in einer Geschichte, die er schreibt. Und literarische Figuren haben es mitunter an sich, dass sie sich selbstständig machen und eigenmächtig zu handeln beginnen, so dass ihr Autor ihnen nur noch nachschreiben kann sozusagen. Darauf deuten unter anderen die letzten Zeilen des Romans hin, wo Philip sagt: „Hier ist meine Nachricht an meinen Schöpfer. Ich sterbe, aber ich verschwinde nicht. Dies ist das Ende, aber hier will ich beginnen.“

Der Rätsel sind noch einige in diesem Buch, das sich mit Gewinn liest, nicht zuletzt dasjenige nach dem Titel. Bärfuss versteht es, packend zu schreiben und diesmal auch Fragen zur Genese und zur Interpretation eines Romans aufzuwerfen. „Hagard“ ist insgesamt ein gelungenes Beispiel für das, was der Erzähler an einer Stelle zu Recht feststellt: „In allen Dingen muss ein Geheimnis bleiben, das uns zum Sehen bringt. Was wir verstanden haben, ist verloren.“

Lukas Bärfuss, Hagard. Wallstein 2017

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